Bedeutung des Immunsystems

Über die Nahrung gelangen unzählige Keime und Giftstoffe in unseren Magen-Darm-Trakt. Hier gilt es, durch ein ausgeklügeltes System das Gute (Nährstoffe) vom Schlechten (Keime und Giftstoffe) zu trennen und Feinde effektiv abzuwehren. Um die Verteidigung sicherzustellen, besitzt der menschliche Körper eine komplexe und schlagkräftige Abwehr – unser Immunsystem. Hauptdarsteller dieses faszinierenden Systems sind die weissen Blutkörperchen (Leukozyten), die in verschiedenen Verteidigungslinien arbeiten, über Botenstoffe (Zytokine) miteinander kommunizieren und weiterreichende Abwehrstrategien initiieren. Dabei ist die Darmschleimhaut die erste Barriere für aufgenommene Eindringlinge.


In der Darmschleimhaut kontrolliert die erste Garde der Leukozyten, die Makrophagen, die Barriere. Makrophagen bezeichnet man auch als Fresszellen, da sie Bruchstücke von Fremdstoffen aufnehmen können und diese zusammen mit körpereigenen Erkennungszeichen (Dienstausweis) ihren Kollegen, den so genannten T-Zellen (T-Lymphozyten), präsentieren. Diese entscheiden, ob weitere Massnahmen notwendig sind und fordern gegebenenfalls Verstärkung an. Zu der Verstärkung zählen die B-Zellen (B-Lymphozyten), die dritte Garde der Leukozyten. Diese B-Zellen werden gerufen, wenn ein spezifischer Auftrag zu erfüllen ist. Ihre Waffen sind die so genannten Antikörper, hochspezifische Eiweisse, die den Eindringling als Fremden kennzeichnen und somit „zum Abschuss freigeben“. Die Spezialisierung der B-Zellen liegt in der Zielsicherheit ihrer Waffen, denn der Antikörper passt zu dem Eindringling wie ein Schlüssel zum Schloss.

Wie oben erwähnt, erfolgt die Kommunikation innerhalb des Immunsystems über Botenstoffe (Zytokine). Diese binden an spezifische Strukturen (Rezeptoren) auf der Oberfläche der Zielzellen und bewirken dadurch verschiedene Zellreaktionen.

Insbesondere über die Botenstoffe Tumornekrosefaktor alpha (TNF-α), Interleukin 1 und Interleukin 6 wird die Abwehrreaktion intensiviert. Man bezeichnet sie daher auch als entzündungsfördernde Botenstoffe.

Andere Botenstoffe sorgen dafür, dass nach der erfolgreichen Abwehr wieder Ruhe und Ordnung hergestellt wird – die Entzündung wird gebremst und klingt ab. Die verantwortlichen Botenstoffe werden entzündungshemmende Zytokine genannt.

Aus bisher ungeklärten Gründen sind bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen das Gleichgewicht und die Angemessenheit des Immunsystems aus den Fugen geraten. Die Abwehr unterscheidet nicht mehr richtig zwischen Eigen und Fremd und greift körpereigene Stoffe an. Die vermeintlichen «Feinde» sind nun Strukturen des eigenen Körpers. Die Entzündung der Darmschleimhaut wird durch ein Ungleichgewicht zwischen entzündungsfördernden und -hemmenden Botenstoffen aufrechterhalten, so dass der Prozess wie eine Kettenreaktion immer wieder aufs Neue angeheizt wird und bestehen bleibt – die Entzündung wird chronisch. Die Darmschleimhaut wird angegriffen, die Funktion als Barriere und die Nährstoffaufnahme werden beeinträchtigt. Es kommt zu den typischen Symptomen wie Durchfall und Schmerzen. Ein langjähriges chronisches Entzündungsgeschehen führt zu einer Bindegewebsvermehrung und zu einer erheblichen Wandverdickung – die Darmschleimhaut «vernarbt».

Welche Rolle spielt der Botenstoff Tumornekrosefaktor alpha (TNF- α)?

Zur Unterstützung der weissen Blutkörperchen (Leukozyten) spielen Botenstoffe eine entscheidende Rolle. Sie erfüllen sowohl unter normalen Bedingungen als auch im Krankheitsfall wichtige «Briefträgerfunktionen». Sie geben Informationen von einer Zelle zur anderen weiter und lösen dadurch bestimmte Vorgänge am Zielort aus. Bei entzündlichen Vorgängen, wie z.B. bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa, kommt es zu einem Überschuss an entzündungsfördernden Botenstoffen. TNF- α ist einer von ihnen und nimmt dabei eine Schlüsselposition ein. Wie in einem Teufelskreis regt TNF- α  zudem weitere Zellen an, immer neues TNF- α zu bilden, womit die Entzündung in Gang gehalten und intensiviert wird. TNF- α kann somit als Dominostein angesehen werden, der, einmal angestossen, weitere Steine im Rahmen der Kettenreaktion einer Entzündung umfallen lässt.

Bei Patienten mit chronisch entzündlichen Darmerkrankungen konnte TNF- α  in grossen Mengen in den entzündeten Darmabschnitten und im Stuhl nachgewiesen werden. Dies belegt, dass der Botenstoff in unmittelbarer Umgebung des Krankheitsgeschehens aktiv ist.


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